Prokrastination – Was hilft gegen Aufschieberitis?

Prokrastination? – Die Aufschieberitis! – Wird dann zum Problem, wenn sie chronisch wird!

„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe ruhig auf morgen, denn was du heute kannst erleben, kann dir morgen keiner geben!“

ODER

 „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“

Ankommen, private E-Mails checken, Facebook checken, kurz übers Wochenende mit den Kollegen sprechen und dann ist auch schon Mittagspause. Na, hab ich dich erwischt? Natürlich nicht! Dich doch nicht! Schau dich mal auf dem Büroflur um. Denn laut Statistik sind mindestens 20 Prozent der Menschen, also mehr als jeder Fünfte, von Prokrastination, der krankhaften Aufschieberitis betroffen.

Dabei ist das Aufschieben von Dingen erst einmal ein ganz normaler Vorgang. Eine Sache nicht zu erledigen ist für den Moment eben einfach leichter, als sie zu erledigen.

Aber wieso schaffen so viele Menschen nicht das, was sie sich vornehmen? „Heute mache ich die Steuererklärung“ oder „Heute konzentriere ich mich nur auf die wichtigen Dinge“, hört man die Aufschieber ständig sagen.

Was steckt hinter der Aufschieberitis?

Das Kernproblem der Aufschieber ist, dass sie keine Prioritäten setzen können. Zudem leiden vielen von Ihnen – zumindest unterschwellig – an Minderwertigkeitskomplexen. Sie benötigen kurzfristige und häufige Erfolgserlebnisse, da sie fälschlicherweise davon ausgehen, dass Erfolg mit Selbstwert gleichzusetzen ist.  Sie scheuen zu große, scheinbar unüberwindliche Aufgaben, da die Bewältigung dessen viel zu weit entfern liegt.

Warum schieben wir Dinge auf? Der Mensch ist entwicklungsgeschichtlich anscheinend nicht darauf vorbereitet, vorsorgend und arbeitsteilig zu handeln, meinen Evolutionspsychologen. Die früheren Aufgaben als Jäger und Sammler waren lebensnotwendig und unaufschiebbar. Das wirkt bis heute nach, wenn wir Dinge tun sollen, die wir auch morgen tun könnten. Oder übermorgen. Kein Wunder, dass die Prokrastination besonders dort gedeiht, wo Arbeitszeit frei eingeteilt werden kann: bei Studenten, Künstlern, Freiberuflern.

Prokrastination: Ist ein bisschen Aufschieben immer gleich schädlich?

Schluss mit dem ewigen Aufschieben. Wie Sie umsetzen, was Sie sich vornehmen “, so der Titel des Buches von Psychoanalytiker Hans-Werner Rückert. Der Berliner meint: „Ein bisschen Aufschieben ist normal, das macht jeder.“ Und manchmal ist es sogar von Vorteil. Er nennt dabei als Beispiel den Kauf eines neuen Computers. Wer diesen hinauszögert, bekommt erfahrungsgemäß ein besseres Modell für weniger Geld.

Ich könnte auch noch ein Beispiel für eine gelungene Prokrastination anbringen: Ich habe viele Jahre meines Berufslebens im öffentlichen Dienst verbracht. Und uns „Öffis“ sagt man ja nach, dass wir gerne mal was liegenlassen. Und was soll ich sagen, es stimmt. Also bestimmt meistens nicht absichtlich. Aber hin und wieder ist es mir auch „passiert“. Und weißt du, was manchmal passiert ist? Zufällig gerät mir der Vorgang wieder in die Hand (einfach mal die Stapel umschichten…J) und ich stelle fest, er hat sich erledigt. Man muss nur lang genug warten. Die positive Seite der Prokrastination.

Was hilft gegen das ständige Aufschieben?

Ich beschäftige mich seit längerem mit dem Thema Aufschieberitis, bin mir aber nach wie vor nicht sicher, ob es ein Patentrezept gibt. Dennoch habe ich einige Tipps in petto, die dir helfen können, dich von der Prokrastination zu verabschieden:

  1. Bringe Ordnung in dein Leben

Das gilt grundsätzlich für alle Lebensbereiche, insbesondere aber für deinen Arbeitsplatz. Es gibt dazu Studien über Studien, aber für mich steht fest, dass ein aufgeräumter Arbeitsplatz einem Chaos unbedingt vorzuziehen ist. Ordne alle Vorgänge und schaffe feste Ordnerstrukturen. Tipp von mir: Verabschiede dich von der Ablage. Keinen Vorgang liegen lassen. Entweder sofort abarbeiten, delegieren oder wegschmeißen. Frei nach Eisenhower.

  1. Führe dir die Nachteile vor Augen

Mal ganz ehrlich, wie viel Druck verspürst du, wenn du eine oder mehrere wichtige Dinge vor dich herschiebst? Der ist schon enorm, oder?! Und das ist auch gut so. Halte dir bildlich vor Augen, was passieren wird, wenn du es nicht endlich angehst. Male es dir möglichst lebendig aus; mach dir Druck!

  1. Arbeite mit einer To-Do-Liste

Schwarz auf weiß ist immer irgendwie ehrlicher, als nur in deinen Gedanken. Schreibe alle deine Aufgaben auf und priorisiere sie dann. Verleihe deinen Gedanken damit Gewicht. Wichtig ist, dass du dich dann auch an deinen Plan hältst.

  1. Schalte Störungen rigoros aus

Klar, wir alle kennen diese abgedroschene Phrase. Aber was glaubst du wie sinnvoll es ist, eine große, wichtige Aufgabe anzugehen und gleichzeitig Facebook und Outlook geöffnet und Smartphone und Hausanschluss neben sich zu haben? Message angekommen??

  1. Belohne dich

Du hast die ungeliebte Steuererklärung erledigt oder endlich den überfälligen Projektbericht geschrieben? Herzlichen Glückwunsch! Jetzt darfst du dich dafür belohnen. Das steigert deine Motivation für die Zukunft.

Das Willenskraft-Prinzip – Sag der Prokrastination ade

Allen, die an chronischer Aufschieberitis leiden, möchte ich ein Buch und als Grundlage das dazugehörige Prinzip ans Herz legen, das mir sehr geholfen hat: „WILLENSKRAFT-Wenn Aufgeben keine Alternative ist„. Der Autor, Michael Langheinrich, benennt und beschreibt die wesentlichsten Störfaktoren. Die wichtigsten Störfaktoren (Friendly Fire) sind demnach:

  • Unlustgefühle und Bequemlichkeit
  • Ablenkung und Verlockungen
  • Gewohnheiten und Automatismen

Und Michael Langheinrich nennt auch gleich eine Antwort, wie man den Störfaktoren entgegnet. Und zwar mit dem von ihm entwickelten Willenskraft-Prinzip. Ausgedrückt durch die sechs P’s:

Power

Auf das Thema Willenskraft bezogen, unterscheidet Michael Langheinrich zwischen körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit. Körperliche Leistungsfähigkeit hängt unmittelbar mit unserer Leistungsbereitschaft zusammen. Und diese kann hervorragend erlernt und durch Training verbessert werden. Auch geistige Leistungsfähigkeit kann hervorragend trainiert werden.

Performance

Performance, vor dem Hintergrund der Willenskraft-Prinzipien, bedeutet die konsequente Orientierung an deinen Zielen, mit dem Fokus auf die kontinuierliche Verbesserung von Leistungen oder Lebensqualität, und dies unter den Rahmenbedingungen, mit denen du bis jetzt die besten Ergebnisse erzielen konntest.

Prozess

Hierbei geht es um den Flow-Zustand, in den wir immer dann geraten, wenn wir „dran“ sind. Wenn uns eine Aufgabe so sehr fesselt, dass wir alles andere ausblenden und uns nur noch auf diese eine Aufgabe konzentrieren können. Zielfokussierung lautet das Stichwort.

Präsenz

Hier rückt Michael Langheinrich – und da hat mein Namensvetter meine volle Unterstützung – von der gebetsmühlenartig runterlamentierten Fokussierung auf den Moment ab. Klar ist es wichtig, im hier und jetzt zu leben. Aber für jeden Menschen, der ein selbstbestimmtes Leben anstrebt, ist es wichtig, sich gedanklich in allen drei Zeiten zu bewegen: der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft.

Produktivität

Produktiv im Sinne des Willenskraft-Prinzips zu sein, bedeutet, viel zu schaffen – im Vergleich zu etwas anderem. Aber in Vergleich zu was? Im Vergleich zu den weniger wichtigen Dingen. Nur das, was unmittelbar mit der Aufgabe, dem Projekt oder dem nächsten Zielschritt zu tun hat, ist in dem Fall wichtig und wird beachtet.

Pausen

Jeder Organismus, jeder Muskel, der trainiert wird, braucht Zeit für Ruhe und Erholung. Dieses Prinzip der körperlichen Aktivität gilt auch für die geistige Leistungsfähigkeit. Willenskraft ist keine Energie, die einfach und permanent vorhanden ist. Vielmehr besteht Willenskraft in hohem Maße darin, den eigenen Zielplänen entsprechend auf Verlockungen und Reize unserer Umwelt zu reagieren, seine Abläufe zu strukturieren und vor allem seine Emotionen sowie Lust- und Unlust-Gefühle bewusst und aktiv zu regulieren.

Fazit

Gegen ein bisschen Aufschieberitis ist gar nichts einzuwenden. Brenzlig wird es erst, wenn die Prokrastination chronisch wird. Aber glücklicherweise gibt es Mittel und Wege, sich aus der Aufschiebe-Falle zu verabschieden.

Nicht zuletzt kann ich jedem das Willenskraft-Prinzip ans Herz legen.

Die obigen fünf Tipps oder viele weitere, die du beim Stöbern im Netz entdecken kannst, können höchstens als Soforthilfe gedacht sein. Um Prokrastination wirklich dauerhaft zu bekämpfen, musst du an die Ursachen gehen. Das ist ein langer Weg, aber er lohnt sich.

 

Warum Ausdauersport Schwachsinn und Muckibude Abzocke ist! – Teil I
Flirt-Falle für Gründer/innen: Freundlichkeit als Erotik-Signal?